Wo einst eine Burg gestanden hat …
Schriftquellen nennen für Jettenburg ab dem frühen 12. Jahrhundert erstmals ein freiadliges Geschlecht, das sich nach dem Ort (Oethenbrugge, Udenbrugen) benannte und das im Umfeld der Pfalzgrafen von Tübingen sowie der Staufer in Erscheinung trat. Eine Burg wird jedoch erst 1452 in einer Urkunde erwähnt, als ihre damaligen Besitzer, die Reutlinger Patrizierfamilie Becht, diese zusammen mit dem ganzen Ort an die Grafen von Württemberg verkaufte.
Im 19. Jahrhundert waren von dieser Burg nur noch wenige Mauern und ein Graben zu sehen. Einzig der Straßenname „Auf der Burg“ sowie die geschwungenen Parzellengrenzen gaben in jüngerer Vergangenheit noch einen Hinweis auf ihre ehemalige Existenz und Lage. Aus archäologischer Sicht war über die Burg aber nichts bekannt.
Dies änderte sich im Winterhalbjahr 2023/24, als im Vorfeld der Errichtung zweier Mehrfamilienhäuser unmittelbar südöstlich der Kirche Sankt Ulrich und Pankratius archäologische Ausgrabungen notwendig wurden (Abb. 1).
Diese führten zur Entdeckung einer massiven Turmburg mit Umfassungsmauer und Burggraben.
Als Besonderheit entpuppte sich dabei ein mächtiger Burgturm, dessen Außenseite aus einer 2,2 bis 2,4 m breiten Zweischalenmauer bestand, die rund 2 m tief in den Untergrund eingegraben war. Obwohl der Turm nicht vollständig erfasst werden konnte, können seine Außenseiten mit einer Länge von ca. 10 m angegeben werden, wodurch sich ein Innenraum von etwa 25 m² ergibt.
Das aufgehende Mauerwerk ist aus bis zu 1,2 m langen, 0,6 m breiten und 0,35 m hohen Kalksteinquadern aufgebaut. Das Fundament des Turms zeigt demgegenüber eine andere Mauertechnik aus wechselnden Lagen verschieden großer flacher und senkrecht gesetzter Kalksteine (Abb. 2).
Die Turmmauer schneidet eine Kulturschicht, aus der Keramik des Hochmittelalters (10. und beginnendes 11. Jh.) stammt, vornehmlich ältere gelbe Drehscheibenware vom Typ Runder Berg sowie ältere Albware. Funde aus dem Inneren des Turms, wie bemalte gelbe Drehscheibenware (Abb. 3), belegen eine Nutzung im 11. und 12. Jahrhundert.
Ihr Ende fand diese hochmittelalterliche Nutzungsphase in einem Brandereignis, bei dem wohl auch Teile der oberen Stockwerke nach unten stürzten. Jüngeres Fundmaterial konnte im Innenraum nicht geborgen werden.
Auch in der weiteren Grabungsfläche ist das späte Mittelalter nur durch wenige Funde repräsentiert. Bemerkenswert ist allerdings das Bruchstück eines glasierten Schaftleuchters, der noch dem ausgehenden Spätmittelalter angehören kann. Ebenfalls ins späte Mittelalter datiert ein Aquamanile-Gefäß, das bereits 1987 in einem benachbarten Grundstück zutage kam.
Ähnlich wie die Turmmauer ist auch die zweischalige Umfassungsmauer aufgebaut, die noch auf einer Länge von rund 10 m verfolgt werden konnte. Etwa 8 m von dieser Mauer entfernt verlief ein vorgelagerter Graben. Ob dem steinernen Turm möglicherweise ein hölzerner Bau voranging, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Stratigrafisch älter ist in jedem Fall ein Laufhorizont, in den Pfostengruben eingetieft waren.
Die beschriebenen Ergebnisse legen somit die Errichtung einer ersten steinernen Turmburg im 11. oder ausgehenden 10. Jahrhundert nahe, also deutlich früher als bislang angenommen. Dies ist nicht nur für die Ortsgeschichte von Kusterdingen-Jettenburg, sondern für die gesamte Burgenforschung in der Region von besonderer Bedeutung. Erfreulich ist, dass im Zuge der Errichtung der neuen Wohngebäude die Reste des Burgturms im Erdreich erhalten und von der Bebauung ausgespart werden konnten. Darüber hinaus wurde aus den Steinen der Umfassungsmauer ein Teil der Burgmauer rekonstruiert. Diese ist nun, ca. 60 m vom originalen Standort entfernt, an der Bushaltestelle „Brunnenplatz“ zu sehen.
Text:
Dr. Gerd Stegmaier
fodilus GmbH, Büro für Archäologie und Grabungstechnik
Hirschauer Str. 32, 72108 Rottenburg am Neckar
Abb. 1:
Luftbild der Ausgrabung mit Burgturm und Resten der Umfassungsmauer südöstlich der Kirche St. Ulrich und Pankratius (Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/fodilus GmbH, Ute Heuer).
Abb. 2:
Fundament aus waagerecht und senkrecht gesetzten Kalksteinen sowie der ersten Lage des sichtbaren Mauerwerks aus großen Steinblöcken (Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/fodilus GmbH, Ute Heuer).
Abb. 3:
Bemalte gelbe Drehscheibenware des 11./12. Jh., aus dem Inneren des Burgturms (Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/fodilus GmbH, Christian Broß).
Rekonstruktion der Burgmauer in Jettenburg
*Video zur Rekonstruktion der Burgmauer Jettenburg
* Digitaler Rekonstruktionsvorschlag zur mittelalterlichen Burganlage von Kusterdingen-Jettenburg, basierend auf den archäologischen Grabungsergebnissen der Jahre 2023 und 2024 (Gestaltung und Produktion: fodilus GmbH & Brown Bear Visualisation; Luftbild: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/fodilus GmbH, U. Heuer).